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Theaterklasse: Der Kleine Prinz

Ein Schulhaus wird zur Bühne, Gänge werden zu Wüstenpfaden, Klassenzimmer zu fernen Planeten – und mitten darin wandert eine Figur, die seit Generationen Menschen berührt: Der kleine Prinz.

Die Theaterklasse der Anna-Pröll-Mittelschule präsentierte unter der Leitung von Lehrkraft Daniela Otto eine außergewöhnliche Inszenierung des weltberühmten Kleinen Prinzen – als konsequent umgesetztes Site Specific Theatre. Ausgangspunkt des Projekts war die gemeinsame Lektüre im Deutschunterricht. Aus der analytischen Auseinandersetzung mit Figuren, Symbolen und Motiven entwickelte sich Schritt für Schritt ein lebendiges, begehbares Theatererlebnis.

Das Schulhaus als Universum

Beim Site Specific Theatre wird ein Ort nicht nur zur Kulisse, sondern zum zentralen Bestandteil der Inszenierung. Genau das setzte die Theaterklasse eindrucksvoll um:
– das Treppenhaus verwandelte sich in die weite Wüste
– unterschiedliche Plätze im Schulhaus wurden zu Planeten mit eigenen Atmosphären
– die Aula wurde zum Sternenhimmel

Das Publikum wanderte durch das Gebäude und begegnete auf jedem „Planeten“ einer neuen Szene. Dadurch entstand eine besondere Nähe zwischen Spielenden und Zuschauenden – Theater wird unmittelbar, greifbar und persönlich.

Rollen-Splitting: Viele kleine Prinzen

Ein zentrales künstlerisches Mittel war das sogenannte Rollen-Splitting: In jeder Szene wurde der kleine Prinz von einer anderen Schülerin oder einem anderen Schüler verkörpert.

So entstand kein einheitliches, festgelegtes Figurenbild, sondern eine vielstimmige Interpretation. Jede Darstellung brachte eigene Nuancen mit – mal nachdenklich, mal verspielt, mal rebellisch. Diese Vielfalt spiegelte zugleich die Lebenswelt der Jugendlichen wider: Der kleine Prinz wurde zur Projektionsfläche für ihre Fragen, Zweifel und Hoffnungen.

Kostüme und Szenenbilder: Kreativität aus dem Schulalltag

Die Kostüme verbanden symbolische Elemente mit Materialien aus dem Schulkontext.
Auch die Szenenbilder wurden von den Schülerinnen und Schülern selbst entwickelt:
– der Planet des Königs entstand durch erhöhte Podeste und symbolische Insignien aus dem Fundus.
– der Eitle war von Spiegeln und Selfie-Elementen umgeben.
– Geschäftsmann zählte keine Sterne mehr auf Papier – er verwaltete sie digital auf einem Tablet.

Hier zeigte sich eine moderne Interpretation: „Digitale Planeten“ griffen die Medienwelt der Jugendlichen auf. Likes, Besitz von Daten, von der persönlichen Begegnungen zu Chats – und genau dadurch entstand eine kritische Aktualisierung des Inhaltes.

Durchbrechen der vierten Wand

Immer wieder wurde die sogenannte „vierte Wand“ aufgelöst. Figuren sprachen das Publikum direkt an, stellten Fragen oder brachten Zuschauer aktiv zum Nachdenken.

Plötzlich war man selbst Teil eines Planeten, konnte für sich  Entscheidungen treffen oder Position beziehen. Diese Interaktion verstärkte die zentrale Botschaft des Stücks: Verantwortung entsteht durch Beziehung.

Biografisches Theater: Den kleinen Prinzen in der eigenen Lebenswelt finden

Besonders eindrucksvoll war die biografische Ebene des Projekts. Die Schülerinnen und Schüler verbanden zentrale Textstellen mit eigenen Erfahrungen:
– Freundschaft und Einsamkeit
– Leistungsdruck und Erwartungen
– Suche nach Identität
– Umgang mit digitalen Medien

So wurde der kleine Prinz nicht nur literarische Figur, sondern Spiegel jugendlicher Lebensrealität. Die berühmte Frage nach dem „Wesentlichen“ erhielt eine ganz persönliche Dimension.

Literatur wird lebendig

Was im Deutschunterricht mit der Lektüre begann, entwickelte sich zu einem fächerübergreifenden Kunstprojekt: Textarbeit, Bühnenbildgestaltung, Kostümdesign, Medienintegration und schauspielerisches Training verschmolzen zu einer Gesamtinszenierung.

Die Produktion der Theaterklasse der Anna-Pröll-Mittelschule zeigt eindrucksvoll, wie Literaturunterricht lebendig werden kann – wenn Schülerinnen und Schüler Raum bekommen, Texte kreativ zu erforschen und mit ihrer eigenen Lebenswelt zu verbinden.

Am Ende blieb nicht nur Applaus, sondern auch die Erkenntnis:
Man sieht nur mit dem Herzen gut – und manchmal braucht es ein ganzes Schulhaus, um das Wesentliche sichtbar zu machen.

Ein großes Dankeschön und Glückwunsche zum gelungenen Theaterprojekt spricht die gesamte Anna-Pröll-Mittelschule aus an
– Herr Hensel, der für den reibungslosen Einsatz von Ton und Technik sorgte
– die Theaterklasse für ihre mutige, ausdauernde und kreative Arbeit 
– ihre Klassenleiterin Frau Otto für ihr zeitintensives Engagement und das Zutrauen in ihre Schülerinnen und Schüler

 

Text: Melina Drüssler, Lin APMSG

Bilder: Stephanie Fritzer, Lin APMSG